Gedanken zu Gegenständen: »Schlampenengel«

Er ist winzig, gelbblond, blauäugig und trägt ein goldenes Gewand. Ein Engel, das kann man an seinen Flügelchen erkennen, aber kein Putto, sondern die konventionell als weiblich gelesene Engelsversion mit Klamotten an, über deren Provenienz ich nicht wirklich etwas sagen kann, vermutlich ist sie ein Hybrid aus Putte und Christkind. Christlich ist diese Ikonografie in jedem Fall, und geprägt bin ich von ihr auch in jedem Fall, ungeachtet der Tatsache, dass ich schon sehr lange aus der Kirche ausgetreten bin – es schadet nicht, sich das ab und zu vor Augen zu führen.  

 

 

Die Blondheit und Blauäugigkeit des Engels steht, wie ich heute nicht dank Elternhaus, Schule oder Uni, sondern Twitter weiß, für ein westliches Schönheitsdiktat, das Millionen Menschen mit Rassismuserfahrung todunglücklich gemacht hat. Davon war ich selbst mein ganzes Leben lang niemals betroffen, obwohl ich braune Augen und, wenn ich sie nicht anders färbe, auch Haare habe. In meiner Familie, deutlicher kann man vermutlich nicht vorführen, wie privilegiert man diesbezüglich ist, existiert sogar eine Art etwas alberner Kult der Braunhaarigkeit und -äugigkeit, und das eine Kind, das zwischenzeitlich leuchtend blaue Augen und knallgelbe Haare hatte, wurde so aufrichtig besorgt angesehen, als wäre es geradewegs aus dem Film Das Dorf der Verdammten gekommen. Heute hat besagtes Familienmitglied die dunkelsten Haare von allen, und ich frage mich, ob wir nicht massiven evolutionären Druck auf es ausgeübt haben. Unser Familien-Selbstbild ist so braunhaarig, dass ich mich selbst heute mit blondgefärbten Haaren nicht blond fühle, so viel zur Kraft von Images. Als ich einmal einer blonden, blauäugigen Freundin von meiner emphatischen Komplettverweigerung des hellen Schönheitsideals erzählte, erwiderte sie: »Was bleibt dir übrig?«. Sie meinte es ernst, sie interpretierte mein auf anerzogenem Selbstbewusstsein basierendes Geschmacksurteil als mentale Selbstschutzmaßnahme. Ich lache heute noch jedesmal, wenn ich mich daran erinnere.

Die Engel verkörpert also in den Basics das westliche Schönheitsideal, gleichzeitig sieht sie ziemlich abgerissen aus, ihr Haar ist dünn und strähnig, und das Gewand hat auch schon bessere Zeiten gesehen. Ihr etwas angegriffener Zustand resultiert daraus, dass sie aus billigen Materialien gebastelt worden ist: der Kopf besteht aus einer Holzkugel, die Haare aus Wolle, das Kleid aus Goldpapier. Außerdem ist sie schon alt, ich schätze sie auf siebzig bis achtzig Jahre. Arme Menschen haben weniger Ressourcen zur Verfügung, um ihre äußere Schönheit zu konservieren, bei Engeln aus einfachen Verhältnissen scheint es ähnlich zu sein.

Die Engel heißt in der Familie, früher in der Familie meiner Mutter, heute in meiner, »Schlampenengel«, warum, weiß ich nicht, ich kann es nur vermuten. Entweder muss diese Bezeichnung von Anfang an, also seit die Engel gebastelt oder gekauft wurde, benutzt worden sein, dann würde sie sich wohl darauf beziehen, dass die Engel für einen Engel irgendwie unangemessen heiß aussieht oder sie ist später geprägt worden, als die Engel anscheinend anfing, nachlässiger frisiert und gekleidet zu sein, während sie in Wirklichkeit einfach zu oft begrapscht worden ist. 

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, »Schlampenengel« wurde und wird immer sehr liebevoll gesagt. Das ändert aber nichts daran, dass hier wie so oft pure Misogynie am Werk ist. »Schlampe«, wer zu blond und zu bling. »Schlampe«, wer zu unordentlich und zu zerzaust. »Schlampe«, wer als Frau nicht unauffällig im Interieur verschwindet, »Schlampe«, wer kein Engel des Hauses ist. 

Der »Schlampenengel« war als Kind meine erste bewusste Begegnung mit frauenfeindlichen Vorstellungen, außerdem habe ich im Umgang mit ihm gelernt, wie man sich bequem hinter Ironie versteckt, um ohne schlechtes Gewissen Gewalt goutieren zu können. Letzteres gewöhne ich mir seit einigen Jahren systematisch wieder ab und kann es nur allen empfehlen – es gibt mehr Schönheit an anderen Orten. 

Die Zeiten haben sich geändert. Für Engel und Menschen. Nicht nur die Familie Frohmann findet braune Haare und Augen außerordentlich schön. Menschen mit Rassismuserfahrung befreien sich und andere nach und nach von exklusiven Schönheitsvorstellungen. Menschen mit Klassismuserfahrung befreien sich und andere nach und nach von exklusiven Vorstellungen sozialer Stärke und Schwäche. Menschen mit Sexismuserfahrung befreien sich und andere nach und nach von exklusiven Vorstellungen, wie sie zu erscheinen haben und sind einfach. 

Die Engel ist noch da. Niemand sonst vom Weihnachtsbaum meiner Großeltern hat das geschafft. Sie führt vor, wie Resilienz funktioniert. Die Engel ist ein Vorbild. Ab heute wird sie nur noch Angel genannt. 

*Liederlich gekleidet und frisiert geschrieben*